Mittwoch, 26. Mai 2010

Tag 2 - Wir müssen reden!

Eine kurze Nacht und eine Fahrt von Bremen nach Delmenhorst weiter sind wir im großen Kunstsaal wieder vereint.
Die SchülerInnen sind alle da- sie sind gut gelaunt und wir registrieren mit Erstaunen, dass die Schüler teilweise ihre Hefte zuhause verziert haben. Im Kreis sitzend reden wir über den gestrigen Tag. Alle sind gespannt, was es heute wohl zu tun gibt!
Der Reihe nach wird über das Museum berichtet...

Dienstag, 25. Mai 2010

Klangexperimente

Es knirscht, es rasselt, es klimpert. Es rauscht, es zirpt, es fiept. Es zischt, es pfeift.
Tim, den ich durch den niedrigen Raum führe, ist unsicher. Schon der Gang, der in den Raum führt, klingt.
Er beugt sich zu den Dingen, die laut geben, dabei zeichnet er, wie von Frau Stamm und Frau Musolf beauftragt, blind in sein Heft.
Während wir langsam durch den Raum gehen, den Klängen nachhorchen, schaue ich über Tims Schulter in die Hefte der anderen Schüler. Einige bleiben lange an einem Klang stehen und folgen den Ausschlägen nach oben und unten zeichnerisch. Andere "übersetzen" die Klänge in konkrete Gegenstände: Das klingt wie eine Grille, wie ein Auto, ein Motor...und zeichnen diese Gegenstände blind. Fast überall tauchen Wirbel und wilde Striche auf. Das Gehörte ist zu fremd, hat keine erkennbare Melodie. Die Schüler sind konfrontiert mit der Unbenennbarkeit, sie können nicht konkret sagen, was das ist, das sie hören. Die, die sehen, könnten zwar beschreiben: Da liegt ein Lautsprecher auf dem Boden, aus dem kommt ein Kratzen. Aber was genau das sein soll - Musik zum Beispiel - das wissen sie nicht zu sagen.
Wir verlassen den Raum, das Museum will bald schließen.
Eine letzte kurze Runde: Was haben wir im Klangraum erlebt?
Ein Schüler sagt: Der Raum ist ein Klangkörper.
Oder sind wir hier mehr als passive Rezipienten und der Raum wird durch das Zusammenspiel unserer Sinne und der Körperhaftigkeit des Klangs erfahrbar?
Erschöpft verlassen wir das Gebäude und machen uns auf den Weg nach Hause oder ins Hostel. 

Blinde Kuh...

Alle sind müde und dennoch aufgeregt...wir haben alle viel gesehen und erlebt. Dennoch, als wir wieder im Kreis beisammen sitzen, haben Frau Stamm und Iris Musolf noch eine weitere Aufgabe für uns vorbereitet. Wir steigen die Treppen der Weserburg hoch und bilden dann zwei Gruppen.
Eine der zwei Gruppen soll sich die Augen verbinden, jeder aus der anderen Gruppe soll sich jeweils einen Partner mit verbundenen Augen suchen. Da wir so viele sind, müssen wir sogar diese beiden Gruppen noch einmal unterteilen. Ich warte und suche mir dann einen Partner mit verbundenen Augen, den ich in einen Raum führe, den wir als einzigen noch nicht angesehen haben.
Auch für die, deren Augen unverbunden sind, ist es spannend! Der ganze Raum ist voller Klangkunst!

Vorstellungsrunde...

Wir gehen durch das Museum. Jede Gruppe stellt den Partner vor, den sie für ihr Foto gefunden hat...
Die Geschichten, die die Schüler erzählen, sind aufregend:
Einmal wurden formale Kriterien für die Blinddates gewählt ("Flüchtigkeit", "Farbe", "Maße" usw.), ein anderes Mal wurden inhaltliche Bezüge hergestellt. Die SchülerInnen erfinden Geschichten, wie sich die beiden Bilder begegnet sein könnten. Dabei stellen sie die Vorzüge und die Nachteile der künstlerischen Arbeiten im Museum heraus:
Was hat die Skulptur gegenüber der Malerei für Vorzüge? Was ist überhaupt eine Installation?
Diese kleine Übung macht den Schülern deutlich, welche Formen Kunst im Museum so annehmen kann.

Beuys in Love

(...)

Kriterien für ein Kunstdate




La rivoluzione siamo Noi, 1972. Lichtdruck/Polyesterfolie, 191 x 102 cm. © bpk/Hamburger Kunsthalle, Kupferstichkabinett/Elke Walford. © VG Bild-Kunst, Bonn 2008














Das geheimnisvolle Foto











Wir entscheiden: Die Farben ähneln sich, die Atmosphäre ist ähnlich: Düster und ein wenig gruselig.
Die Gruppe versucht, sich vorzustellen, was hier passiert ist: Der Mann (den die Schüler nicht kennen) auf dem Lichtdruck scheint aus einem Haus zu kommen. Das Innere des Hauses könnte so aussehen, wie auf unserem geheimnisvollen Foto.
Was hat der Mann in dem Haus gemacht? Wir erinnern uns an die zuvor ausgedachten und aufgeschriebenen Geschichten. Hat der Mann jemanden entführt? Oder ist er gerade aus dem Haus entkommen? Er sieht stolz aus und selbstbewusst. Ist er ein Soldat? Herrscht vielleicht Krieg? Seine Kleidung erinnert uns an eine Uniform.
Vielleicht gibt der Titel des Bildes Aufschluss?
Wir lesen:
Joseph Beuys, "La rivoluzione siamo Noi" - "Die Revolution sind Wir". Das Bild ist 1972 aufgenommen worden.
Es herrschte also kein Krieg zum Datum der Aufnahme. 
Wir überlegen weiter: was kann passiert sein, das beide Bilder verbindet?
Ein Date zu erfinden ist schwieriger, als wir dachten.
Nun beginnen wir, da wir inhaltlich nicht weiter kommen, formal Ähnlichkeiten und Unterschiede aufzuzählen.
Das Bild von Joseph Beuys ist ein analoges Foto, das entwickelt wurde. Unser Bild ist ein digitales Foto, das ausgedruckt wurde.Das Bild, das Beuys zeigt, ist sehr groß, unseres ist klein. Wir überlegen, dass Beuys entweder den Selbstauslöser betätigt hat, oder dass er jemand anders gebeten haben muss, zu fotografieren. Unser Foto hingegen zeigt gar keinen Menschen, dafür aber die Spuren menschlichen Lebens.
Tim bringt uns auf eine Idee: Sind vielleicht beide Fotos inszeniert?
Wir schreiben ein kleines Theaterstück als Kennenlerndialog.

Weserburg

Ankunft in der Sammlung Weserburg.
Wir geben unsere Taschen und Koffer und Jacken ab - einige müssen noch einmal zur Toilette - da begegnet uns schon die erste künstlerische Arbeit. Ein Stück aus der Sammlung Maria und Walter Schnepel ("Chronische Fluxitis") begegnet uns direkt eingangs als Sound. Wir treten ein und sammeln uns selbst erst einmal. Für viele SchülerInnen ist dies der erste Besuch in einem Museum, das zeitgenössische Kunst zeigt.
Wir setzen uns in einen Kreis und bekommen einen neuen Arbeitsauftrag: Um die Masse, die Vielfalt, die das Museum zeigt, visuell und auch rational bewältigen zu können, sollen wir uns für unsere Fotos "Partner" suchen.
In den Grüppchen, die sich durch die verschiedenen Bilder ergeben, laufen wir Studierenden mit den SchülerInnen durch die riesigen Hallen. Wir schauen uns um und prüfen: Wo sind Gemeinsamkeiten, wo Unterschiede der ausgestellten Kunstwerke zu unserem kleinen Foto?
Wir machen uns ganz automatisch Gedanken über die Beurteilung von Kriterien von Kunst:
da wir so genau hinschauen, was da so alles herum hängt, sprechen wir über die Oberfläche und die Art der Herstellung, über den Unterschied von Skulptur, Objekt und Installation.
Es ist spannend, dass wir beim Vergleich mit einem kleinen Foto so viel über die künstlerischen Arbeiten der Sammlung erfahren - und über das Wissen und die helle Beobachtungsgabe der SchülerInnen.
Der Auftrag wird erweitert: Wir sollen ein Blind Date arrangieren: Der Partner, den wir für unser Foto gefunden haben soll unser Foto "daten".
Einen Kennenlerndialog dazu sollen wir in unserem Heft notieren.
Unsere Gruppe sucht sich ein großes Foto von Beuys aus.